Seniora.org - MutterKind-Bindung

«Der ewige Friede ist keine leere Idee, sondern eine Aufgabe»

Gedanken zur Friedenserziehung
von Dr. Eliane Perret, Psychologin und Heilpädagogin
Die jüngsten Ereignisse in Afghanistan haben viele Menschen wachgerüttelt und veranlasst, darüber nachzudenken, wohin wir in unserer Welt steuern. Man kann Immanuel Kant nur zustimmen, der 1795 in seiner Schrift mit dem Titel «Zum ewigen Frieden» festhielt: «Der ewige Friede ist keine leere Idee, sondern eine Aufgabe.» Es ist eine Aufgabe, die uns alle fordert! Nicht nur mit Blick auf die Verwüstungen, welche die Kriege in Afghanistan, im Kongo, im Irak, im Jemen, im ehemaligen Jugoslawien und vielen anderen Ländern hinterlassen haben, sondern auch angesichts der Länder, die durch Sanktionen gebeutelt sind, und der zahlreichen ungelösten sozialen und politischen Probleme in vielen Teilen der Welt. Gleichzeitig steht die Frage im Raum, warum die bisherigen Bemühungen, in Frieden zusammenzuleben, nicht gefruchtet haben. Diesem Problem müssen sich vom Volk beauftragte Verantwortungsträger und Vertreter aller Fachdisziplinen stellen. Sie sind gefordert, ihren Beitrag zur Lösung von Konflikten und zum Frieden auf der Welt zu leisten. Sie müssen ihre Verantwortung im Sinne des Bonum commune gegenüber den Mitmenschen ernst nehmen, so wie dies in der Vergangenheit viele getan haben. Eine Rückbesinnung auf deren Bemühungen und bereits Erreichtes ist wertvoll und nötig.

 Friedenstaube Marlies Klesse
«Frieden erwirken» von Marlies Klesse, 2007. (Bild ev)

Ein kurzer Blick in die Geschichte

Der Wunsch, in Frieden zusammenzuleben, hat die Menschen schon immer bewegt. Bereits bei Aristoteles, dem grossen Denker und Naturforscher der griechischen Antike, finden wir grundlegende Überlegungen, wie diesem zutiefst menschlichen Bedürfnis entsprochen werden könnte. Er sah die Aufgabe der Menschen darin, kraft der Vernunft ihre Stellung im Kosmos zu finden und mit den in der Erziehung gelegten Kardinaltugenden  – Besonnenheit, Gerechtigkeit, Klugheit und Mut  – ein friedliches und harmonisches Zusammenleben im Staat möglich zu machen. Auch in der römischen Philosophie finden sich Gedanken zum Frieden. «Im Krieg ist kein Heil, um Frieden bitten wir alle», schrieb der römische Dichter Vergil und verwies auf diese grosse Menschheitsfrage.

«Hasenohr – Hasenohr, einmal rum und dann durchs Tor»

Schonung schadet – warum Kinder Herausforderungen brauchen
von Dr. Eliane Perret, Psychologin und Heilpädagogin
Zeit-Fragen Nr. 3 v. 28.01.2021
In der Garderobe neben einem Klassenzimmer stehen die Schuhe der Kinder. Schön eingeordnet, wie das offensichtlich verlangt wird. Interessant, denke ich, alle Schuhe haben Klettverschlüsse, oder man kann hineinschlüpfen, ohne einen Verschluss zu öffnen. Ein einzelnes Paar hat Schnürsenkel, aber auch die muten eher als Zierde an; mindestens scheinen sie nicht geöffnet zu werden, die Ferse ist hinuntergequetscht. Aha, offensichtlich ist es nicht mehr üblich, Schuhe zum Binden zu kaufen, die etwas mühsamer anzuziehen sind und vom Kind verlangen, dass es sich die dafür erforderliche Technik aneignet. Warum wohl?

Von seinen feinmotorischen Fähigkeiten her wäre ein Kind mit etwa vier Jahren in der Lage, seine Schuhe selber zu binden. Viele nehmen dazu ein Sprüchlein zu Hilfe: «Hasenohr  – Hasenohr, einmal rum und dann durchs Tor.» Wer diese Methode noch nicht kennt, sollte sie einmal ausprobieren, sie funktioniert erstaunlich gut! 

Alfred Adlers psychagogisches Wirken, am Beispiel eines Schulversagers einfach erklärt

Der Wiener Arzt und Psychologe Alfred Adler hinterlässt ein so wertvolles und umfangreiches Erbe seines unermüdlichen Wirkens, welches wir immer wieder gerne in Erinnerung rufen.

Alfred Adler

Hier in Form eines podcasts (26’), den wir von Michael Felten «Eltern-Lehrer-Fragen»* übernommen haben


 

Lesen und hören Sie hier einen Beitrag zum 150. Geburtstag von Alfred Adler:

Der Mensch, das soziale Wesen

 

Michael Felten 2
Felten - wer ist das überhaupt?

Jg. 1951

1981 - 2017 Gymnasiallehrer Mathematik & Kunst, seit 1999 Bildungspublizist print & audio;

seit 2010 Dozent/Referent an PH (HD, BN) und staatlichen Lehrerakademien (BY, BW, SH)

2014 HumanAward der KlugeStiftung der Humanwissenschaftlichen Fakultät an der Uni Köln

*Quelle: http://www.eltern-lehrer-fragen.de/

Kinder brauchen Urvertrauen

Ein Einwurf von Michael Felten - zum Tag der Kinderrechte
Brauchen Kinder eigene und besondere Rechte? Vielleicht, sagt der Publizist und frühere Lehrer Michael Felten. Er nimmt den Tag der Kinderrechte zum Anlass, daran zur erinnern, dass sie aber vor allem eines benötigen: sichere Bindung.

Beitrag hören

Brauchen Kinder eigentlich mehr Rechte, sollten diese gar im Grundgesetz eigens aufgeführt werden? Nun, eine spontane Antwort wird anders ausfallen, wenn man an misshandelte, gar missbrauchte Kinder denkt  – oder eben an quengelige Sprösslinge, die ihre Mutter an der Supermarktkasse mit Gebrüll dazu zwingen wollen, ihnen doch noch eine Süßigkeit mehr, ein Spielzeug zusätzlich zu kaufen.

Auch auf einer reflektierteren Ebene gibt es verschiedene Positionen. Die einen halten für problematisch, dass Kinder im deutschen Grundgesetz lediglich als Objekt der Eltern auftauchen  – dabei hätten sie doch ganz eigene Bedürfnisse. Andere argumentieren, spezielle Kinderrechte trügen die Gefahr in sich, dass sich der Staat unangemessen zum Anwalt Heranwachsender machen  – und Elternrechte aushebeln könnte.

Gefühl des Wertseins und Aufgehobenseins

Nun sind Kinder tatsächlich besonders schützenswert, sie entwickeln sich ja erst  – und deshalb ist eine andere Dimension vielleicht viel wichtiger als die juristische. Denn nach allem, was wir heute wissen, ist es für das Lebensglück eines Menschen von erstrangiger Bedeutung, ob er in seinen ersten Lebensjahren ein Gefühl des grundsätzlichen Wertseins und Aufgehobenseins erwirbt.

Der Psychoanalytiker Erikson nannte das basales oder Urvertrauen, Entwicklungspsychologen sprechen von ‚sicherer Bindung‘.

Wie wär's also, wenn wir am Weltkindertag einmal darüber nachsinnen, wie es um die Bindungsqualität unserer Sprösslinge steht? Schon Bruno Bettelheim meinte ja apodiktisch: Liebe allein genügt nicht.

Entscheidend ist Feinfühligkeit

Dabei ist es nicht einfach damit getan, dass Mütter  – oder allgemeiner gesagt: eine primäre Bezugsperson  – in den ersten Lebensjahren ständig verfügbar sind, damit Kinder Lebensmut und Resilienz erwerben. Das entscheidende Agens ist vielmehr mütterliche Feinfühligkeit.

Gemeint ist: Wie treffend eine „Mutter“ die Regungen ihres Babys entschlüsseln kann, wie angemessen und prompt sie diese beantwortet. Wie sehr sich der Säugling also geborgen fühlen kann  – bei Unsicherheit, Unwohlsein, Ängsten; und wie gut sich ein Kleinkind in seinem Erkundungsdrang unterstützt sieht.

Denn das Gehirn formt sich ja erst, Selbstwahrnehmung und Weltbild entwickelt ein Kind schrittweise, im emotionalen Wechselspiel mit seiner „Mama“, zuerst per Blick und mit Lauten, dann durch Mimik und Gesten, schließlich via Sprache.

Feinfühligkeit, das hört sich allerdings einfacher an, als es ist. Wer sein Baby unbekümmert schreien lässt, wie früher einmal empfohlen, der beschert ihm frühkindlichen Stress  – und solch erhöhter Cortisolspiegel kann chronisch werden.

Überhaupt wird Bindungsqualität überall dort schlechter, wo Kinder zu früh sich selbst überlassen werden. Aber auch wer ein Kleinkind überbehütet, ihm jede Herausforderung, erst recht Enttäuschung, ersparen will, es quasi seelisch verwöhnt, tut ihm nichts Gutes. Verbaut ihm die Erfahrung „Ich kann der Welt erfolgreich begegnen“.

Kinder lassen sich nicht optimieren

Die Bindungsforschung hat nicht zuletzt auch das umstrittene Thema „frühe Fremdbetreuung“ geerdet. Eine Krippe ist dann  – und erst dann  – gut für ein Kleinkind, wenn seine Mutterbindung so stabil geworden ist, dass es deren vertraute Art eine Zeit lang ohne Stress entbehren kann.

Wann das ist, muss individuell erspürt werden  – und dies richtet sich nicht nach den Lebensplänen von Eltern oder Firma. Auch sind frühe Kitas nur dann entwicklungsförderlich, wenn die Erzieherinnen selbst feinfühlig genug sind, die abwesende Mama zu ersetzen  – also auch nur dann, wenn sie nicht zu viele Kinder betreuen müssen.[... und wenn die Erzieherinnen über eine wirklich gute Aus- und Weiterbildung in Entwicklungspsychologie verfügen, Supervision erfahren, gut entlöhnt und langfristig in der Kita angestellt sind, möchten wir von seniora.org hinzufügen]

Ob öffentliche Frühbetreuung, Tagesmutter oder familiäre Bezugsperson: Die Frage nach dem frühen Kindeswohl ist mehr als ein Ressourcending oder ein Managementproblem. Die Wirtschaft mag globaler, unser Leben rasanter werden. Aber Kinder, insbesondere Babys, bleiben Wesen, die sich nicht beschleunigen, verdichten, optimieren lassen. Jedes von ihnen braucht seine eigene Zeit  – und unser spezifisches Echo. Feinfühligkeit ist, so die Bindungsforscherin Lieselotte Ahnert, die mit Abstand gesündeste Kindernahrung.

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Michael Felten (privat)
Michael Felten, geboren 1951, hat 35 Jahre Mathematik und Kunst an einem Gymnasium in Köln unterrichtet. Er arbeitet weiterhin in der Lehrerausbildung sowie als Schulberater und Autor. Jüngste Veröffentlichung: „Unterricht ist Beziehungssache“ (Reclam).

Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/zum-tag-der-kinderrechte-kinder-brauchen-urvertrauen.1005.de.html?dram:article_id=487834

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