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«Wir warteten, bis sie zu Bett gingen, und töteten sie im Schlaf»

1626 Menschen soll er getötet haben, Drohnenpilot Brandon Bryant. Jetzt kann er nicht mehr schweigen.
von David Hesse*
Fünf Jahre und fünf Tage stand Feldwebel Brandon Bryant im Dienst der US-Streitkräfte. Im Juli 2011 entliess ihn die Air Force ehrenhaft  – und gab ihm ein Zeugnis mit auf den Weg.

Darin war die Zahl der Tötungen aufgeführt, an denen Drohnenoperateur Bryant mitgewirkt hatte: 1626 Stück.

1626 Tote auf einen einzigen Soldaten  – Bryant erfuhr mehr über das Drohnenprogramm als die meisten Amerikaner. Das Programm ist geheim. Wie viele Personen jedes Jahr von unbemannten Fliegern des Militärs und des Geheimdienstes CIA aufgespürt und abgeschossen werden, wie viele Zivilisten darunter sind und wie viele Minderjährige  – niemand weiss es. «Diese Einsätze retten amerikanische Leben», sagt Präsident Barack Obama oft. Doch Brandon Bryant hat Zweifel.

Letzte Woche haben er und drei weitere Ex-Soldaten einen offenen Brief ans Weisse Haus und an CIA-Chef John Brennan geschickt. Darin bezeichnen sie die Drohnentötungen als «Werkzeug» in den Händen rekrutierender Terroristen. Besonders der Abschuss von Zivilisten nähre «Gefühle des Hasses, welche Terror und Gruppen wie den IS entzünden». Die Soldaten sehen eine Verbindung zu den Pariser Anschlägen: «Wir können nicht still dasitzen und Tragödien wie in Paris mitansehen, im Wissen um den verheerenden Effekt, den unser Drohnenprogramm im Ausland und daheim hat.»

Der Effekt daheim  – damit meinen sie sich selbst. Alle vier seien sie nach ihrer Dienstzeit in Depressionen versackt. Auch wenn sie nur vor Computern gesessen seien und nicht an der Front gedient hätten. Der Staat habe sie allein gelassen damit, schreiben sie.

In der Zeitung «Guardian» erinnert sich Bryant an Einsätze. Einmal sollte er fünf Stammesleute eliminieren, die mit einem Kamel im Gebirge zwischen Pakistan und Afghanistan unterwegs waren. Angeblich führten sie Sprengstoff mit sich, den sie gegen US-Truppen einsetzen wollten. Von ihrer Militärbasis in Nevada aus observierten Bryant und seine Leute die Reisenden aus der Luft mit einer Predator-Drohne. Sprengsätze sahen sie nicht. Nachdem die Zielpersonen sich zur Nacht gebettet hatten, schossen die Soldaten sie mit Hellfire-Raketen ab. Es gab keine Folgeexplosion. Bryant vermutet, dass da kein Sprengstoff war: «Wir warteten, bis sie zu Bett gingen, und töteten sie im Schlaf. Es war feiger Mord.»

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David Hesse ist Redaktor im Ressort Hintergrund des Tages-Anzeigers. Bis April 2015 war er USA-Korrespondent mit Sitz in Washington.
Quelle: Tagesanzeiger
http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/amerika/ein-reuiger-drohnenpilot/story/31854827
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