Der Gipfel der Heuchelei

Der Gipfel der Heuchelei

von Volker Bräutigam, 10. Juni 2009 

Großen Eindruck hat US-Präsident Obama mit seiner Rede in Kairo und seinen Auftritten in Europa, u. a. in Buchenwald, gemacht, Stürme der Begeisterung geweckt.

Angeblich auch in der islamischen, mehr aber doch in der „westlichen“ Welt. Staatsfromme und kommerzielle Medien arbeiten, rund um den Erball ebenso wie hierzulande, mit Hochdruck dafür, dass Jubel und Bewunderung auch ordentlich wahrgenommen werden  – und fortdauernd die Hirnfunktion der Menschen paralysieren.

Namhafte Beispiele sind nachlesbar, sogar auf Internet-Seiten wie der des Russel Tribunal on Palestine.

(siehe: www.russelltribunalonpalestine.net)

  • Nurit Peled schreibt dort über Obamas Rhetorik: "Nun, ich habe sie ungeheuer genossen. Wie alle seine anderen Reden war auch diese wie ein frischer Windhauch. Dieser Mann ist ehrlich, gebildet, extrem redegewandt, äußerst menschlich, entschlossen, das Richtige zu tun, und ihm liegt das beste Interesse der Menschen am Herzen...“
  • Neve Gordon: „Präsident Obama ist ein großer Redner und zumindest dem Anschein nach bedeutet seine Kairo-Rede eine Änderung der US-Außenpolitik im Mittleren Osten“.
  • Ilan Pappé: „Die Rede war erfrischend in ihrem musikalischen Thema und Ton. Es war beeindruckend zu hören, wie auf Iran eben nicht als eine dämonisierte „Entität“ Bezug genommen wurde, und zu erfahren, dass die USA solcher Dämonen nun nicht mehr bedürfen, um sich und ihre Rolle in der Welt zu definieren. Auch war ich beeindruckt von seiner Erwähnung des Terminus und Konzeptes „Palästina“ und nicht etwa eines „palästinensischen Staates“ sowie von seiner Anerkenntnis, dass das palästinensische Leiden nicht erst 1967 begann, sondern mindestens bereits 1948. ...“ (Jahr der völkerrechtswidrigen Deklaration Israels als Staat. V.B.)

Zwar folgen den Ausbrüchen von Begeisterung fast immer vorsichtige Anmerkungen, dass erst die Zukunft weisen werde, wie viel Veränderung Obama im politischen Weltgeschehen durchsetzen könne. Aber die Zustimmung zu ihm überwiegt. Bei weitem.

Die Kritiker

Man beginnt, am eigenen Verstand zu zweifeln. Und empfindet es als hilfreich, z.B. auf der Seite CounterPunch Diary („America´s Best Political Newsletter“) ganz andere Betrachtungen zu Obamas Reise nach Nahost und Europa zu lesen.

  • Herausgeber Alexander Cockburn titelt dort: "Obama in Cairo: Große Worte, geringer Wahrheitsgehalt“ (www.counterpunch.org/cockburn06052009.html ).
  • John V. Whitbeck meint unter der Überschrift "Von Nichts kommt Nichts. Kairo: Ein Nachruf“ (Nothing Comes From Nothing. Cairo: a Post Mortem): "Präsident Obamas lang und inständig erwartete Rede in Kairo war wahrlich erstaunlich. Nach all den Monaten zuvor mit all dem Medienrummel hätten sich nur Wenige vorstellen können, dass diese Rede aber auch gar nichts an Substanz enthalten würde ... Wenigstens irgendeine hoffnungspendende Überraschung musste Obama doch sicherlich noch im Ärmel haben. Falsch. Nichts. Absolut nichts. ...“

Hohle Symbolik statt echter Berührtheit

Zitat: "Es sind nur wenige Schritte vom Eingangstor mit der zynischen Inschrift "Jedem das Seine" bis zu einer Gedenkplatte. Sie ist ständig auf 37 Grad geheizt, um an die Lebenstemperatur der Buchenwald-Opfer zu erinnern..."

(siehe: www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,628871,00.html)

Konnte es nicht noch ein wenig  kindischer und pornografischer ausfallen? Wäre unschuldiges Metall in seiner Leblosigkeit der Schamesröte fähig, so erübrigte sich jede Energiezufuhr, die dieses monströse Kultkalb taktiler Gedenk-Tumbheit auf menschlicher Körpertemperatur hält.

Grauenhaft: An die 11 000 Juden wurden in Buchenwald umgebracht. Aber mindestens viermal so viele nichtjüdische Menschen. Mindestens 45 000. Hätte man ihrer nicht wenigstens einmal, dieses eine, einzige Mal, auch ausdrücklich gedenken können, nicht nur en passant mit einem Kopfnicken beim flotten Vorbeigang am Gemeinschaftsdenkmal für alle Opfer?

Die meisten der nichtjüdischen Mordopfer waren „Politische“, vor allem Kommunisten und Widerstandskämpfer. Demokraten. Aus Deutschland sowie aus fast allen europäischen Ländern. Warum wurde dieser nichtjüdischen Mehrheit mit keinem Wort gedacht? Weder von Obama noch von seiner Begleiterin, Kanzlerin Merkel? 

Es ging den Beiden nicht um wahrhaftiges Erinnern. Da war keine aufrichtige Erschütterung. Hier wurde mieses Staatsschauspiel geboten. Publikumswirksame Symbolik, als politischer Ausgleich gedacht für nur vermeintliche, nicht einmal rhetorisch vorhandene „Zumutungen“ für die Israelis in der Kairo-Rede.

Wer begleitete auf dem Buchenwalder KZ-Gelände die beiden „Spitzenpolitiker“ bei ihrem „bewegenden Besuch an einer historischen Stätte des Grauens?“

Zwei Juden.

Sonst niemand.

Kein KZ-Überlebender aus der Sowjetunion (die mit dem höchsten Blutzoll für unsere Befreiung vom Nazismus zahlte!) durfte dabei sein. Kein Kommunist. Kein Zeuge Jehovas oder anderer „Bibelforscher“. Kein Anthroposoph. Kein Widerstandskämpfer, weder einer aus Deutschland noch aus einem der europäischen Nachbarländer. Zu schweigen von Sinti, Roma, Priestern, Homosexuellen, Kriegsgefangenen.

Wir wollen doch bitte nicht so naiv sein, zu übersehen, wie und warum diese Obama-Reise so filigran geplant und ausbalanciert organisiert worden war  – und ausgerechnet auf dem größten Militärstützpunkt außerhalb der USA ihren Abschluss fand: nämlich in Ramstein, Rheinland-Pfalz.

Verneigungen  – aber nicht vor den eigenen Opfern

In einem der vielen Blogs mit Beiträgen zum Obama-Besuch las ich einen Satz, der es auf den Punkt bringt: „Man erinnert immer und immer wieder an das Dritte Reich und vergisst darüber, dass wir im Hier und Jetzt NICHTS anderes haben. Ob in Palästina, in Afghanistan, im Irak oder auf Guantanamo! Der gleiche unmenschliche Scheiß wird aktuell, in dieser Sekunde, fabriziert und lediglich bedauert, was vor 65-70 Jahren geschah...“ Es folgt die hervorgehobene Frage: Wieeeeee macht man das den Menschen begreiflich?“

Ja, wie? Wie stinkt man gegen den überwältigenden Informationsmüll der staatsfrommen Öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und der (käuflichen) Konzernmedien an? Wie rüttelt man die Mitwelt wach: Passt auf, Leute, diese Obamas und Sarkos und Browns und Merkels und Konsorten, ihre israelischen Hiwis sowie der IWF, die WTO, die Weltbank und ganz besonders auch die EU-Notabeln stricken nur permanent eine Masche mit ihrem "Wir verneigen uns vor den Opfern der Vergangenheit" und nutzen das Gewölle als Deckmantel für ihr Massenmorden in der Gegenwart?

Kriterien zur Urteilsbildung

Wer

  • die Pakistanis in einen Bürgerkrieg gegeneinander zwingt
  • die Israelis in Gaza nicht stoppt
  • die Cuban Five in USA nicht endlich wenigstens begnadigt, so er ihnen schon nicht selbst Gerechtigkeit widerfahren lassen kann;

 Wer

  • nicht die anstehenden und fraglos justizirrtümlichen, wenn nicht gar bewusst rechtsbeugerischen und politisch gewollten Hinrichtungen in den USA aussetzen lässt (u. a. Mumia Abu Jamal)
  • Kuba isoliert und zu ruinieren trachtet,
  • Mordkomplotte gegen die Präsidenten Venezuelas und Boliviens nicht verbietet,
  • Bush und Konsorten und ihre Folterknechte politisch und juristisch deckt, statt sie vor Gericht zu bringen

Wer

  • Chinesen, Vietnamesen und Koreaner als Gegner betrachtet und die Afrikaner als Versuchskarnickel sowie Mittel- und Südamerika als seinen Hinterhof,
  • Mörderregime als Verbündete hätschelt und es mit Blutsäufern hält wie dem Ägypter Mubarak, saudischen Königen oder kongolesischen Diktatoren,
  • die Guantanamo-Schande nur verbal aber nicht praktisch und sofort beendet, sondern heimlich das noch grausamere und größere Folterlager Baghram (in Afghanistan) weiter ausbauen und betreiben lässt
  • in Irak und in Afghanistan mittlerweile eine Viertelmillion (!) private Söldner morden lässt, die sich an kein Völker- und kein Kriegsrecht gebunden fühlen (noch weniger als die regulären Amitruppen)

Wer

  • nur als Multimillionär Präsident werden konnte und
  • beides bleiben will:  US-Präsident und Multimillionär
  • DER ist ein Monstrum. 

Oder ein Hampelmann, einer, der um sein Leben fürchtet und schon deshalb nie hätte Präsident werden dürfen. Eines ist er ganz gewiss nicht: ein Hoffnungsträger, ein Grund zur Zuversicht.

Bush im Schafspelz oder Wahrer Mensch?

Es gibt zwar viele Zeitgenossen, die Obama inzwischen als „Bush im Schafspelz“ bezeichnen, weil sie ihn für schlimmer halten als sein Amtsvorgänger war: Allein dessen Mimik und unleugbare intellektuellen Defizite sowie seine demonstrative Grobschlächtigkeit reichten ja schon aus, ihn und sein „Gods own Land“ Amerika zu hassen und zu verachten. Aber Obama schafft es  – siehe die deutsche massenmediale Berichterstattung und die Reaktionen bei TV-Straßeninterviews  -  die Tränendrüsen beim Publikum und die Schleimdrüsen der Schurnallje zu drücken.

Er schafft es, Menschen für sich einzunehmen, die unwissend, uninformiert und arglos genug sind, sich von ihm täuschen zu lassen  – wozu allerdings Frau Merkel ganz gewiss nicht zählt. Die weiß sehr genau, was Sache ist  – und sorgt in ihrem Beritt dafür, dass das auch Sache bleibt...

Was wäre, wenn?

Ein Schlussgedanke zu Obamas Heuchel-Auftritt vor der politischen, gesellschaftlichen  und akademischen Elite in Kairo: Hätte der US-Präsident nicht dort gesprochen, sondern in gleicher Weise in Gaza-Stadt vor den verwundeten, obdachlosen, eingesperrten, gepeinigten Palästinensern, dann hätten seine Worte Signalcharakter gehabt.

Und hätte er nicht bloß Kritik am fortgesetzten israelischen Siedlungsbau in den besetzten Gebieten geäußert, sondern die Räumung und Rückgabe aller dieser Raubgüter an ihre rechtmäßigen Eigentümer zur Voraussetzung für einen Frieden deklariert, ja dann...

Hätte er erklärt, dass ein Nahostfrieden niemals mit Israel und einer Zwei-Staaten-Politik zu erreichen sei, sondern nur mit der Gründung einer entmilitarisierten, demokratischen, laizistischen, palästinensisch-israelischen Föderation, dann, ja dann...

Obama „entschlossen, das Richtige zu tun“? Einer, dem „das beste Interesse der Menschen am Herzen liegt“? Der führte keine Kriege. Der beendete sie.

Quelle:
www.nrhz.de

Rüchmeldung

11.06.09. Diese Rückmeldung zum obigen Artikel finde ich interessant, da darin der historische Hintergrund von Ausbeutermentalität und deren Aufrechterhaltung durch Idole („Freiheitskämpfer“) aufgezeigt wird.

Lieber Willy Wahl,

Die USA sind nicht Haiti. Wie ich dies meine? Wie folgt!

>Die USA verdanken ihre Existenz einem Sklavenhalter-Aufstand, der nur dank massiver europäischer Hilfe erfolgreich war. Man schaue sich die Länder an, von denen die USA damals diplomatische. Logistische und militärische Hilfe erhielten: Russland, Preussen, Österreich, Frankreich, Spanien. Hinzu kamen die Gelder aus den Niederlanden, mit denen die aufständischen Sklavenhalter ihre Söldnertruppen bezahlten. [Auch für die Boston Tea Party wurden Leute engagiert. Ein PR-Stunt!]

(siehe : http://de.wikipedia.org/wiki/Boston_Tea_Party)

Die USA waren eben schon immer gut darin, die Welt für dumm zu verkaufen  – von allem Anfang an.

>Haiti verdankt seine Existenz einem Sklavenaufstand, der ohne jedwede Hilfe erfolgreich war  – einmalig in der Menschheitsgeschichte. Dabei spielte Vodou eine gewisse Rolle, denn "wer keine sichtbaren Waffen hat, der braucht unsichtbare Waffen", wie Marianne Lehmann sagt. [Die Ausstellung* "Vodou" mit mehreren hundert Objekten aus der Sammlung der gebürtigen Schweizerin Marianne Lehmann, seit 1957 in Port-au-Prince wohnend, im Amsterdamer Tropenmuseum dauerte vom 31-10-2008 bis zum 10-05-2009.] Kein Wunder also, dass Vodou so sehr verteufelt wird  – und man hier "im Westen" nur etwas von Vodou (und dann auch noch falsch geschrieben: Voodoo) gehört hat, nicht aber etwas von den anderen afro-amerikanischen Religionen (wie etwa: Espiritismus / Dominikanische Republik +++ Santeria / Kuba und Puerto Rico +++ Winti / Surinam +++ Candomble / Brasilien +++ Shangi / Trinidad), in denen sich afrikanische und indianische Auffassungen unter europäischem Anstrich mischten. http://www.nawao.org/seiten/kunst/a_kunst_03.html

>Solange die Menschheit in Sklavenhaltern wie George Washington und Thomas Jefferson Freiheitskämpfer erblickt (keiner gab jemals einem seiner Sklaven die Freiheit zurück) und von wirklichen Freiheitskämpfern wie Padrejean, Francois Mackandal, Boukman Dutty, Toussaint L'Ouverture und Jean-Jacques Dessallines (alles Sklaven, die sich und ihre Mitsklaven dazu brachten, sich selber gewaltsam zu befreien  – die ersten drei dieser Leute waren Vodou-Priester) nichts wissen will (durchaus konsequent), solange wird die Menschheit nicht klar werden im Kopf  – und also auch nicht ihre Probleme lösen können. Stattdessen wird sie immer wieder aufs Neue hereinfallen  – sei es auf Leute wie Gorbatschow, sei es auf Leute wie Obama.

>Das historische Urbild aller Dritte-Welt- und Ex-Ostblock-Staatschefs, die sich beim Westen lieb Kind machen wollten, ist Jean-Pierre Boyer (1774-1850, Präsident von Haiti 1818-1843), der 1825 mit den Franzosen kungelte und ihnen eine Entschädigung für den Verlust ihrer Kolonie und ihrer Sklaven zahlte (woran Haiti bis 1947 zu knabbern hatte  – Vorbild für die heutige "Entwicklungshilfe") und 1835 das Creol Haitian und Vodou verbot (erst 1987 aufgehoben).

>Wer das alles weiss, der ist von der bisherigen Politik von Obama absolut nicht überrascht / verwundert / enttäuscht, und wird dies auch nicht werden.

>Mit freundlichen Grüssen den Rhein hinauf,
Samy Yildirim
Zuiddijk 94 1501 CP Zaandam Nordholland Niederlande
Mobil  00 31  – (0)6 28  – 40 13 70
Email samy_yildirim@yahoo.com

P.S.: Schauen Sie sich bitte das Musikvideo "Ahlan Izayek" [= "Guten Tag! Wie geht es Ihnen?"] der gebürtigen Kuweiterin Shams einmal an. Die Comicfigur am Ende ist Handala, Symbol des palästinensischen Widerstandes.

*Mai 09  – Sept.09: Ethnologisches Museum Berlin-Dahlem

Medien, USA, Meinungen, Israel, Geschichte, Nationalsozialismus, Palästina, Die soziale Natur des Menschen, Ethik

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