«Die Bildungspolitik täte mit Blick auf
die drängenden gesellschaftlichen Probleme gut daran, die Präferenzen
gelegentlich zu überprüfen.»
von Erika Vögeli
Drei Jugendliche stehen vor Gericht – sie haben Menschen
einfach so zusammengeschlagen. Alle Anwesenden sind von den ruhigen
Schilderungen eines der Opfer ergriffen – alle, ausser den Tätern. Reue ist
nicht spürbar, ein schlechtes Gewissen scheint sie nicht anzufechten. Sie
sind – leider – keine Einzelfälle.
Die Auswüchse sinnloser und hemmungsloser
Gewalt gegen Wehrlose und das erschreckende Ausmass fehlender Gewissensbisse
sind aber nur der sichtbarste Ausdruck eines Erziehungsnotstandes, der
überall spürbar ist: Kinder, die überzeugt sind, sie seien der Chef zuhause,
die in der Schule nicht auf den Lehrer hören, sich über Anweisungen
hinwegsetzen oder ganz einfach finden, Erwachsene hätten ihnen überhaupt
nichts zu sagen und, auf Probleme angesprochen, oftmals der Meinung sind,
nicht sie, sondern der andere, die Lehrerin, der Mitschüler hätten ein
Problem – sie alle stellen uns genauso vor die Frage: Was tun? Wo ansetzen?
Was braucht unsere Jugend? So jedenfalls kann es nicht weitergehen. Ganz
offensichtlich haben die antipädagogischen Ansätze nicht zu den behaupteten
Resultaten geführt.
Beikommen
werden wir den Problemen auch nicht dadurch, dass wir unsere Kinder
mit allen möglichen Diagnosen wie «auditive Störung»,
Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) oder Hyperaktivitätssyndrom
kategorisieren und ihnen dann entsprechende Medikamente, Therapien
oder
Förderungen zukommen lassen.
Was es braucht, ist eine Rückbesinnung
auf eine
Pädagogik, die das Kind als werdenden Menschen, als personales Wesen
erfasst,
das zu seiner Menschwerdung ganz elementar der Erziehung und
Werteorientierung bedarf.
Viele Pädagogen und Erzieher haben hierzu
schon
wertvolle und unverzichtbare Beiträge geleistet, so zum Beispiel
Bernd
Ahrbeck mit seinem Buch «Kinder brauchen Erziehung. Die vergessene
pädagogische Verantwortung»1, Otto Speck «Erziehung und Achtung vor
dem
Anderen. Zur moralischen Dimension der Erziehung»2 oder Michael
Felten «Auf
die Lehrer kommt es an»3.
Eine ausgesprochen ermutigende Handreichung für Lehrer, aber auch
Eltern, Erzieher und jeden mit Menschen Befassten ist auch das Buch
«Menschen
bilden» von Arthur Brühlmeier.
Seine «Impulse zur Gestaltung des
Bildungswesens nach den Grundsätzen von Johann Heinrich Pestalozzi»
könnten
aktueller nicht sein.
Wie ein Leuchtturm in der Wüste greift das Buch
in 27
Mosaiksteinen Grundsätzliches zum pädagogischen Wirken auf und setzt
der
gegenwärtigen pädagogisch-psychologischen Amnesie seine langjährigen
Erfahrungen in Unterricht und Lehrerbildung entgegen, die sich
zugleich
natürlich mit grundsätzlichen erzieherischen, philosophischen und
anthropologischen Gedankengängen verbinden – nicht zuletzt als Frucht
seiner
jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit dem grossen Volksbildner
Pestalozzi.
Angesichts einer Schulentwicklung, die sich am amerikanischen
«Bologna»-Modell orientiert, das letztlich unter dem Diktat der
Wirtschaft
steht und zu einer steten Uniformierung und hierarchischen Steuerung
des
Bildungsgeschehens geführt hat, lenkt er den Blick zurück auf das
Wesentliche: auf das Kind, auf den Lehrer, auf das, was sich zwischen
ihnen
als Menschen ereignet, und auf die Frage, was Bildung eigentlich ist.
Brühlmeier ist mit Pestalozzi überzeugt: «Auch der Wirtschaft und dem
Staat
ist am besten gedient, wenn sich die Schulen um die Bildung des
ganzen
Menschen kümmern und daher nicht seine Verwendbarkeit, sondern seine
Menschlichkeit ins Zentrum stellen.»
Wenn er dabei Pestalozzi
aufgreift, ist
sein Ziel nicht, «der historischen Figur Buchstaben für Buchstaben zu
folgen», sondern an den Geist Pestalozzis anzuknüpfen. Es sind
zahlreiche
Facetten dieses Geistes, die Brühlmeier dabei anleuchtet, mit dem
lebendigen
Schulalltag von heute in Verbindung bringt und dem Leser in einer Art
nahebringt, die eben diesen Geist selber atmet.
Wo wir heute Gefahr laufen, den Menschen auf Hirnstrukturen,
neurophysiologische und neurobiologische Abläufe zu reduzieren und
jede
kindliche Auffälligkeit mit einer entsprechenden Diagnose zu
etikettieren,
führt Brühlmeier das Denken zurück zum Wesen des Menschen: Natürlich
ist der
Mensch auch ein biologisches Wesen, erst in der Beziehung zu seinen
Mitmenschen aber kann er Mensch werden, und er bedarf dabei
sittlicher
Orientierung und Bildung, um zu wahrer Menschlichkeit zu finden. So
ist denn
echte Bildung nicht von Erziehung – «oder wenn man lieber will:
moralischer
Bildung» – zu trennen. «Guter Unterricht ist immer auch erziehender
Unterricht.» (S. 63) Dabei sind Druck, Nötigung und Gewalt keine
Mittel, die
zu echter Herzensbildung beitragen, obwohl natürlich unmoralischem,
asozialem
Verhalten klar Einhalt geboten werden muss und solches durchaus einer
dezidierten Gegenposition bedarf.
Menschenbildung soll bei den
Kindern aber
auch echtes moralisches Verhalten aus eigenem Antrieb entwickeln: «Es
genügt
nicht, dass die Kinder einander wenigstens nicht schlagen. Sie sollen
einander mögen und einander beistehen, sich für die Gemeinschaft
engagieren
und die Wahrheit lieben.» (S. 64)
Dass und wie dies möglich ist, entwickelt Brühlmeier auf jeder Seite
seines
Buches, egal, mit welchem Thema er sich befasst. Kernpunkt – wiederum
auch
eine Grundeinsicht Pestalozzis und aller grossen Pädagogen – ist
dabei die
«positive, lebendige Lehrer-Schüler-Beziehung. Sie ist so etwas wie
der
Nährboden, auf welchem Bildung und Erziehung erst wirklich gedeihen
können.»
(S. 66) «Denn wirkliche Bildung, die die Menschen von innen her zu
verändern
und zu entwickeln vermag, beruht immer auf mitmenschlichen
Beziehungen.» (S.
206)
Unweigerlich rückt Brühlmeier damit auch die Lehrerpersönlichkeit in
den
Blickpunkt und setzt unter anderem etwas wieder ins Recht, was die
ganze
strukturelle Reformhektik völlig ins Abseits gedrängt hatte: die
Liebe des
Lehrers zu seinem Beruf, die zusammenhängt mit der Liebe zum Kind,
mit der
Freude an dessen Entwicklung und am gemeinsamen Tun. Brühlmeier
verbindet
damit keine kitschigen Vorstellungen, sondern ein echtes Interesse an
jedem
individuellen Kind, aus dem ein Verstehen der je eigenen kindlichen
Persönlichkeit erwächst.
Dass ein Lehrer nicht alle Kinder «gleich»
gern
haben könne, lässt er dabei nicht gelten, denn erfahrungsgemäss
treten «die
Gefühle von Sympathie und Antipathie dann stark in den Hintergrund,
wenn es
gelingt, einen Menschen – so wie er einem gerade entgegentritt –
wirklich zu
verstehen». (S. 185)
Psychologische und pädagogische Literatur ist dabei hilfreich, kann
und soll
Anregung geben – das ist ja auch die Absicht seines Buches – vermag
aber das
konkrete Hinhören und Hinschauen beim einzelnen Kind nicht zu
ersetzen (S.
128), das dem Lehrer Aufschluss darüber gibt, wo es steht, wo es
ansteht und
wo es allenfalls auch fehlgeht.
Diese Nähe zum Kind, das Interesse an seiner Entwicklung, die Freude,
etwas
zur Bildung seiner Menschlichkeit beitragen zu können, vermittelt
sich dem
Leser auf jeder Seite dieses Buches; es ermutigt den jungen Lehrer,
seine
ursprüngliche Motivation zum Lehrerberuf nicht in Schulorganisation
und -entwicklung untergehen zu lassen, den erfahrenen, sich wieder auf
sich
selbst und seine Anliegen zurückzubesinnen.
In Zusammenhang mit der Bedeutung der Lehrer-Schüler-Beziehung bricht
Brühlmeier auch eine Lanze für den Klassenlehrer, da er naturgemäss
wesentlich grössere Möglichkeiten hat, eine Beziehung zu jedem Kind
aufzubauen. «Die Bildungspolitik täte mit Blick auf die drängenden
gesellschaftlichen Probleme gut daran, die Präferenzen gelegentlich
zu
überprüfen.» (S. 206)
Unter Nähe zum Kind darf man sich bei Brühlmeier auch nie eine sich
anbiedernde, um die Zustimmung der Kinder oder Jugendlichen buhlende
Haltung
vorstellen: Die personale Autorität des Lehrers ist für ihn eine
selbstverständliche Voraussetzung echter Bildung. Waren früher
tatsächlich
mancherorts ungute Strenge und das Kind herabsetzende oder
demütigende
Methoden – keine echte Autorität – verbreitet, sieht Brühlmeier die
Gefahr
heute weit mehr in den Auswirkungen der antiautoritären Bewegung, in
deren
Folge sich eher die Schüler über die Lehrer hinwegsetzen. Personale
Autorität
meint nicht eine irgendwie geartete Ausübung von Macht, sondern die
persönliche Ausstrahlung: «In dieser Ausstrahlung liegt eine
Botschaft über
die Glaubwürdigkeit, die Vertrauenswürdigkeit, die Kompetenz, die
Willensstärke, die Verlässlichkeit, die Ernsthaftigkeit des
betreffenden
Menschen.» (S. 181)
Dazu gehört auch das ruhige, aber entschiedene
Zurückweisen jeglicher Angriffe auf die eigene Person, das im
Selbstwertgefühl des Erziehers gründet.
Wahre Menschenbildung, die
über die
Wissensvermittlung hinaus eine Entwicklung der Kinder zu
mitfühlenden, im
Leben verankerten, mutigen Menschen mit Sinn für Gerechtigkeit,
Vertrauen,
Eigenständigkeit und Gemeinschaftssinn hin fördern will, ist ohne
diese
gesunde Autorität der Erzieherpersönlichkeit nicht möglich.
Ganz
abgesehen
davon, dass auch Lernen nicht möglich ist, wo Kinder nicht darauf
eingestellt
sind, sich von einem Erwachsenen etwas sagen zu lassen. Brühlmeier
scheut
sich nicht, hier das so verpönte Wort Gehorsam aufzugreifen, und
versteht
darunter die Bereitschaft, sich auf sachliche Erfordernisse
einzulassen. In
der Missdeutung kindlichen Eigensinns, «fataler kompensatorischer
Selbstbehauptung»
(S. 97) als Eigenständigkeit liegt ein Erziehungsmissverständnis
unserer
Zeit.
Ohne moralische Erziehung erlangt der Mensch nicht wirkliche
innere
Freiheit, die ihm ermöglicht, dass er «den Gehorsam gegenüber den
herrschenden Regeln dort verweigert, wo ihn die Suggestion einer
Situation zu
destruktivem und moralisch verwerflichem Verhalten verleiten möchte.»
(S. 96)
Neben den hier angesprochenen Themen finden sich zahlreiche weitere
Anregungen zu Unterrichtsfragen, die jeden Lehrer immer wieder
beschäftigen:
Gedanken zum Taschenrechner, zum Sprachunterricht, zu ENEA – der
exzessiven
Nutzung elektronischer Apparate – zum Umgang mit Gewalt und vielem
mehr,
immer eingebettet in das Ganze und mit Blick auf die Grundaufgabe:
Menschen
bilden.
Einer ökonomistischen Sicht auf Bildung und einer biologistischen
Auffassung
vom Kind und vom Menschen hält Brühlmeier eine zutiefst humane
Pädagogik
entgegen, in der das Individuum und die Personalität des Menschen
wieder in
ihr Recht gesetzt werden. Im Mittelpunkt steht die volle Entfaltung
der
kindlichen Persönlichkeit – die ohne sittliche Bildung nicht zu haben
ist.
Und: sittliche Bildung, wie sie Brühlmeier in seinem Buch vorlegt,
begründet
und fördert auch Neugier, echtes Interesse und Anteilnahme, die das
Lernen
erst wirklich fruchtbar machen. Einer solchen Bildung verbundene
Lehrer- und
Erzieherpersönlichkeiten gewinnt man aber nicht durch juristische
oder
institutionelle Massnahmen oder die derzeitigen Evaluations- und
Qualifikationsverfahren, im Gegenteil: «Je massiver man mit
Qualitätssicherungssystemen einfährt, desto weniger wird man jene
Qualität
erreichen, die ausschliesslich auf sittlicher Freiheit des Einzelnen
beruht.»
(S. 158)
Natürlich braucht Schule immer auch einen organisatorischen
und
gesetzlichen, vor allem demokratisch legitimierten Rahmen. Aber «eine
auf
sittlichem Zusammenleben beruhende und nach Sittlichkeit der
Beteiligten
strebende Menschenbildung» (S. 159) anzustreben, setzt voraus, dass
der
Lehrer das aus sich selbst heraus will. Jene Liebe zum Kind, von der
Brühlmeier als Grundhaltung spricht und die «jederzeit das
Verantwortungsbewusstsein, das Einfühlungsvermögen, den
Arbeitswillen, die
Selbstkritik sowie die Bereitschaft, Schwierigkeiten anzugehen und zu
überwinden [nährt]» (S. 184), lässt sich in einer guten Lehrerbildung
sehr
wohl vermitteln, nicht aber verordnen.
Man wünscht dem Buch einen möglichst breiten Leserkreis. Lehrer, in
der
Lehrerbildung Tätige, Eltern und politische Verantwortungsträger –
ihnen
allen bietet das Buch Anregung, sich auf das Wesentliche von Bildung
und
Erziehung zu besinnen, wenn wir die heranwachsenden Generationen auf
die
künftig vor ihnen liegenden Anforderungen so vorbereiten wollen, dass
sie
ihnen nicht nur hinsichtlich ihrer praktischen und intellektuellen
Fähigkeiten, sondern auch als Mitmenschen und verantwortliche
Mitgestalter
des Zusammenlebens gewachsen sein werden. •
1 Bernd
Ahrbeck, Kinder brauchen Erziehung. Die vergessene pädagogische
Verantwortung, Stuttgart 2004, ISBN 978-3-17-017973-8
Buch bestellen
2 Otto Speck, Erziehung und Achtung vor dem Anderen. Zur
moralischen Dimension der Erziehung, München 1996, ISBN
978-3-497-01421-7
Arthur Brühlmeier
Arthur Brühlmeier führte nach der Primarlehrerausbildung in Wettingen
während
17 Jahren eine Gesamtschule mit acht Klassen und studierte danach an
der
Universität Zürich Pädagogik, Psychologie und Publizistik
(Dissertation:
«Wandlungen im Denken Pestalozzis»). Anschliessend wirkte er in der
Lehrerbildung als Dozent für Pädagogik, Psychologie und Didaktik, in
den
letzten 20 Jahren am Seminar St. Michael in Zug, wo er am Konzept
«Lehrerbildung als Persönlichkeitsbildung» mitwirkte und mehrere in
Pestalozzischem Geist verankerte Reformen einleiten konnte.